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RÜDIGER HEINS – interviewt von Werner Karl

Rüdiger Heins studierte Pädagogik und Kulturwissenschaften. Heute arbeitet er als freier Schriftsteller sowie Regisseur und produziert Beiträge für Hörfunk, Fernsehen und Internet. Er ist Dozent im Creative Writing sowie Gründer und Studienleiter des INKAS – Institut für Kreatives Schreiben in Bingen und Bad Kreuznach.
Er organisiert auch Literaturveranstaltungen, interdisziplinäre Künstlerprojekte und koordiniert die Lange Nacht der Autoren in Bad Kreuznach, Bingen sowie St. Moritz; er erhielt mehrere Stipendien und Auszeichnungen für seine literarische Arbeit. Heins ist Herausgeber des Online- und Radiomagazins experimenta.
Sein Landart-Projekt Haiku-Garten erregte auf der Landesgartenschau in Bingen Aufsehen. Regelmäßig veranstaltet er Autorenlesungen, Mailart-Aktionen und -Ausstellungen.

sfbasar: Lieber Rüdiger, das Erste, was mir auf deiner Website aufgefallen ist, sind die vielen Verlage, bei denen du publiziert hast und ja immer noch tust. Woran liegt das? Ist das deiner Vielseitigkeit geschuldet oder den starren Verlagsprogrammen?

RH: Das liegt daran, dass die meisten Verlage ein Programm haben, dass bestimmte Themenkomplexe bedient. Deswegen suche ich mir jeweils den Verlag, der zu meinem Manuskript passt.

sfbasar: Wenn man also wie du ein sehr breites Spektrum an Arbeiten abliefert, wie gestaltet sich hier die Verlagssuche? Du mußt ja mehr oder minder bei einem neuen Verlag dich selbst immer wieder neu präsentieren, ja, verkaufen und kannst nicht auf Erfolge bei eben diesem Verlag verweisen. Oder steht dir hier eine Agentur zur Seite? Hinweise auf eine solche Unterstützung habe ich nicht finden können.

RH: Einen Verlag zu finden, ist für mich einfach. Aufgrund der Publikationen über meine schriftstellerische Arbeit, bin ich in der Szene kein Unbekannter. Bisher ist es mir noch nicht gelungen bei einem Publikumsverlag zu publizieren. Das liegt aber auch an meiner Ungeduld, denn große Verlage haben eine lange Vorlaufzeit von zwei bis drei Jahren bis zur Veröffentlichung.

sfbasar: Du hast auch Theaterstücke geschrieben, z.B. „Visionen der Liebe – Hildegard von Bingen“, „Gilgamesch und Enkidu“ oder „Allahs heilige Töchter“ Ist das für dich eine völlig andere Art zu Schreiben oder gibt es hier Parallelen zu deiner literarischen Arbeit?

RH: Stücke schreiben ist für mich literarisches Schreiben. Beim Stückeschreiben muss ich mich auf das wesentliche im Text konzentrieren. Außerdem habe ich immer die Vorstellung, wie der Text in der Inszenierung wirkt. Das szenische Schreiben überträgt sich auch in die Dramaturgie meiner Prosatexte. Das ist eine gute Ergänzung, damit bekommen die Texte eine spürbare Spannung.

sfbasar: Du besitzt eine wundervoll klare Stimme, so gut wie akzentfrei. Aber auch eine beinahe schon zarte Stimme für einen Mann. Ich habe mir einige Mitschnitte von Lyriklesungen angehört; da paßt sie einfach perfekt. Wie gestaltest du aber deine Prosa-Lesungen? Ist es dir möglich, deinen verschiedenen Protagonisten eine eigene Stimme zu verleihen, ggf. auch einen aggressiven, harten, bedrohlichen Ton anzunehmen oder ist so eine sprachliche Färbung für dich weniger von Bedeutung?

RH: Bei meinen Lesungen habe ich eine kräftigere Stimme. Ich versuch meine Texte wirkunsvoll dem Publikum zu präsentieren. Meine Sprechtechnik bei Lesungen gleicht der Inszenierung eines Hörspiels, bei dem auch das Publikum als Sprechchor mit eingebaut wird.

sfbasar: Apropos Lesungen: Werden die von dem einen oder anderen deiner Verlage organisiert oder liegt das weitgehend in deiner Hand? Welche Marketingmaßnahmen triffst du, um ausreichend Gäste für deine Lesungen anzusprechen? Die Werbung über deine Internetseiten ist sicher wichtig, spricht doch aber nicht immer die regionalen Besucher von Lesungen an; und gerade auf die kommt es ja an. Pflegst du hier zwei Werbe-Strategien? Bundesweit und regional?

RH: Die Bewerbung meiner Lesungen mache ich grundsätzlich selbst, dann weiß ich auch, dass sie gut besucht sind. Werbung von Veranstalten nutze ich ebenfalls, aber das Engagement von Bibliotheken ist sehr gering. Die Werbung in den sozialen- und kulturellen Netzwerken des Internets hat Zukunft. Dort werden Terminankündigungen im Schnellballsystem verbreitet. Das ist regional und überregional die optimalste Strategie, um auf Autorenlesungen aufmerksam zu machen.

sfbasar: Wenn man sich deine Arbeiten anschaut, ist man schlichtweg verblüfft über die Themenauswahl, die dich beschäftigt. Du schreibst einerseits Lyrik, dann wieder Prosa, dazwischen einige Bücher, die sich mit dem Schicksal von an den Rand der Gesellschaft gedrängten Menschen (Berber, Penner, Obdachlose, verlorene Kinder, usw.) befassen. Soziales Engagement sticht hier erfreulich heraus. Aber glaubst du, daß man mit der Aufarbeitung von Mißständen in Büchern hier tatsächlich etwas bewirken kann? Wäre hier Straßenarbeit nicht zielführender? Oder siehst du es als deine Aufgabe und Hoffnung an, als Schriftsteller bei all den Normalbürgern einen Sinneswandel wenigstens zu versuchen?

RH: Du hast recht, Straßensozialarbeit und die Nähe zu den Betroffenen wäre besser. Das habe ich auch schon gemacht. Die Nähe zu den Betroffenen hat mich ausgebrannt. Deswegen ist die Form des Publizierens eine Möglichkeit für mich, weiter auf diese Menschen aufmerksam zu machen, damit sich ihre Lebenssituation verbessert. Das Thema an dem ich jetzt arbeite, ist so brisant, dass es mich Kopf- und Kragen kosten könnte. Da geht es um organisierte Menschenrechtsverletzungen. Aus Angst vor Konsequenzen hat darüber noch niemand berichtet. Ich mache das jetzt.

sfbasar: Zu all deinen o.g. Arbeiten bist du auch noch Herausgeber des Online- und Radiomagazins eXperimenta. Du erreichst damit seit 2003 (oder schon früher?) Tausende AbonnentInnen und LeserInnen; aktuell über 18.000!, eine beeindruckende Zahl. Vor allem, wenn man bedenkt, daß der Bezug von eXperimenta kostenlos ist. Kann man so ein Magazin wirklich ausschließlich durch Spenden finanzieren?

RH: Nein, durch Spenden finanziert sich die eXperimenta nicht. Ich stecke einen Teil meiner Honorare in das Magazin. Das mache ich aber gerne, weil das Vernetzen von Lesern, Literaten und Bildenden Künstlern mehr wert ist als Geld.

sfbasar: Eine der jüngeren Ausgabe von eXperimenta hatte das Schwerpunktthema „ZeitRaum“ und die Sonderausgabe „Brasilien“ befaßte sich – nicht nur – mit dem Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, eben Brasilien. Welche Themen und Features erwarten deine AbonnentInnen in den nächsten Ausgaben?

RH: Grundsätzlich sind wir für alle Themen offen. Gerne können sich auch Literaten, Künstler und Fotografen mit ihren Arbeiten bei uns bewerben (redaktion@experimenta.de). Themen der kommenden Ausgaben sind: Farben, zum Beispiel blau, grün und braun. Im Januar beginnen wir mit der „Weißen Ausgabe.“ Texte und Bilder beschäftigen sich mit diesen Farbspektren. Bei Anfrage an die Redaktion werden die Themenplanungen für 2014 per eMail zugesandt.

sfbasar: Als wäre das nicht schon genug, unterrichtest du seit 1991 Creative Writing. Wer kommt denn zu deinen Seminaren? Gibt es hier eine bestimmte Klientel oder bietest du Workshops an, die unterschiedliche Genre und Literaturformen behandeln?

RH: Mir kann es gar nicht genug sein. Das höre ich immer wieder: „Du machst so viel.“ Mir fällt das gar nicht auf. Ich arbeite gerne. Besonders gerne halte ich die Seminare am INKAS Institut und in der Abtei Himmerod. Meine Seminarangebote richten sich an alle Bevölkerungsgruppen. Ich habe keine Zilegruppe. Oder Doch: Menschen, die den Traum haben, einmal ein Buch zu schreiben.

sfbasar: Du hast Pädagogik und Kulturwissenschaften studiert. War für dich eine Laufbahn als Lehrer in entsprechenden humanistischen Gymnasien oder evtl. sogar an einer Hochschule keine Wahl? Sicher wärst du ein sehr guter Lehrer gewesen; die Rückmeldungen deiner Seminarteilnehmer sind hier eindeutig.

RH: Ich habe den Anspruch ein guter Lehrer zu sein, da wo ich bin. Einer der so ist wie ich hat keine freie Wahl. Er hat nur die Möglichkeit, sich selbst zu organisieren, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das Establishment will mich nicht, weil ich für „abnorm“ gehalten werde. Damit habe sie auch recht, denn ich stelle Normen in Frage.

sfbasar: Zu guter Letzt natürlich die Frage nach Projekten, an denen du aktuell arbeitest. Was können wir uns von dir in nächster Zeit und in 2014 erwarten?

RH: Einen Bildband mit der Fotografin Sabine Kress. Bei diesem Projekt habe ich die Himmeroder Mönche interviewt. Ein einzigartiges Projekt wie ich finde. Wir sind ein gutes Team. Fotografie und Text ergänzen sich. Außerdem schreibe ich an einem Roman mit dem Arbeitstitel „Ein Jahr im Jordanland“. Hinzu kommt noch das „Geheimprojekt“ mit den Menschenrechtsverletzungen.

sfbasar: Lieber Rüdiger, wir danken dir für deine Zeit und deine interessanten Antworten. Wir wünschen dir für alle deine laufenden und kommenden Projekte viel Glück und Erfolg!

RH: Danke dir auch, lieber Werner, für Deine qualifizierten Fragen.

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