DEZEMBER 2020

Titelbild: Rüdiger Heins

Aus dem Editorial von Prof. Dr. Mario Andreotti

Die Sprache prägt unsere Sicht auf die Welt

Die Tatsache, dass die Sprache unsere Sicht auf die Welt prägt, bleibt nicht ohne erhebliche Folgen. Mit der Herrschaft über die Sprache lässt sich nämlich auch die Herrschaft über das Denken der Menschen gewinnen. Das wusste und weiss niemand besser als Diktatoren. Das schrecklichste Beispiel dafür hat uns bekanntlich die Propaganda der Nationalsozialisten geliefert. Wenn da etwa von „Endlösung“ die Rede war, aber „Massenmord an den Juden“ gemeint wurde, war das eine der niederträchtigsten Formen von Sprachlenkung. Und wenn heute Fürsorgeämter, um politisch angeblich korrekt zu sein, von „Kunden“ oder „Klienten“ sprechen, aber „Sozialhilfebezüger“ meinen, so ist das nichts weiter als eine Umbiegung der Sprache. Darüber sollten wir vermehrt nachdenken.

So bestimmt denn die Sprache nicht nur unser Denken und Handeln und unsere Gefühle, sondern weitgehend auch unsere Weltsicht. Wer sich sprachlich nicht oder nur ungenügend äussern kann, der kann nicht nur seine Gedanken schlecht ordnen, sondern hat auch keine klare Sicht auf unsere Welt, denn die Welt, in der wir immer schon erfahrend leben, ist stets sprachlich erschlossene Welt. Daher ist Sprachbildung, und dies nicht nur in der Schule, dringender denn je, soll uns die Sprache als hohes Kulturgut und als unser wichtigstes Werkzeug erhalten bleiben. Tragen wir also, bei aller Würdigung des sprachlichen Wandels, Sorge zu unserer Sprache; sie ist die Sprache, mit der wir aufgewachsen sind, deren Klang wir von der ersten Minute unseres Lebens an hörten. Ihre Worte halfen uns, die Umwelt wahrzunehmen, uns die Welt zu erschliessen und damit letztlich unsere Identität zu finden. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Dieses weithin bekannte Wort des österreichisch-englischen Philosophen Ludwig Wittgenstein ist heute gültiger denn je.